von Gabriele Schwarz
Veröffentlich: 24. Juli 2022 (vor 3 Wochen )

„Halleluja! – Gelobt sei Gott!“

Wofür?

„Für die Schöpfung“, sagt die Bibel.
„Für Wolken, Luft und Wind“, betete Franz von Assisi.
„Für Glaube, Sex und Poesie“, meinte Leonard Cohen.
Und schrieb ein Lied, das Menschen auf der ganzen Welt zu Herzen geht. Ein Lied, das auch von Menschen gesungen wird, die mit herkömmlichen Formen von Frömmigkeit nur wenig anfangen können.
Was steckt hinter diesem Lied mit seinen religiösen Anspielungen? Und was hinter seinem Verfasser, dem Dichter, Schriftsteller, Maler, Sänger und Songwriter Leonard Cohen?

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Der Mensch

Leonard Norman Cohen wurde 1934 in eine wohlhabende, einflussreiche jüdische Familie in Montreal in Kanada geboren. Die Familie besaß ein Textilunternehmen, und sie gehörte zu den Führungsgestalten der jüdischen Gemeinde von Montreal. Leonard wurde traditionell religiös erzogen, von seiner irisch-stämmigen Kinderfrau lernte er auch viel über den christlichen Glauben. Als er neun Jahre alt ist, stirbt sein Vater, und so wird sein Großvater, ein angesehener Rabbi, zu seiner wichtigsten Bezugsperson. Stundenlang liest der Großvater mit seinem Enkel die heiligen Schriften; Leonard Cohens intensives Wissen über die Bibel stammt aus dieser Zeit und wird sein literarisches und musikalisches Werk zeitlebens beeinflussen.

Nach dem Studium der englischen Literatur strebt Leonard Cohen zunächst eine Karriere als Schriftsteller an. Er schreibt vor allem Gedichte und führt ein unstetes Leben mit Reisen quer durch Europa. Immer wieder lernt er Frauen kennen, die ihn körperlich und seelisch anziehen. Manche bleiben ihm als Freundinnen fürs Leben, auch nachdem er sie verlassen hat. Gerade diese Erfahrungen aus seinen Liebesbeziehungen, die Verletzlichkeit und das Scheitern der Liebe thematisieren seine melancholischen Songs.

Obwohl er eine Stimme hat, die klingt (Zitat aus einem Rocklexikon) wie die „eines alten Bluessängers, dem bereits die hohen Töne fehlen“, gelingt ihm 1967 der Durchbruch als Sänger. Er schreibt und singt zeitlebens Lieder, die es in die Hitparaden, in die Charts, schaffen, und die immer wieder von anderen Sängerinnen und Sängern gecovert, also übernommen werden – und die sie manchmal berühmter machen, als wenn Leonard Cohen sie selbst gesungen hätte.

Jede und jeder aus meiner Generation wird sein „Suzanne“, „So long, Marianne“ oder „Bird on the Wire“ damals auf dem Kassettenrekorder gehabt haben. Das ist die erfolgreiche Seite von Leonard Cohen.

Doch es gibt auch die düstere. Immer wieder fällt er in tiefe Krisen. Alkohol und Drogen nagen an ihm. Seine Frauenbeziehungen sind kompliziert. Er ist berühmt und begehrt, hat Drogen-, Sex- und Ego-Trips erlebt und fällt immer tiefer in Depressionen. Auch das spiegelt sich in seiner Musik.

Von einem seiner Alben schreiben die Kritiker, man solle gleich die Rasierklingen für den Selbstmord dazu verkaufen, so depressiv ist seine Musik geworden. Aber Leonard Cohen sucht nach Hilfe. Er landet bei Scientology, bei der kommunistischen Partei, bei wiedergeborenen Christen und schließlich in einem buddhistischen Zen-Kloster und bei den Schriften eines hinduistischen Mystikers.

Nach langen Jahren des Suchens und der Verzweiflung kann er sagen:

„So muss es sein, wenn man bei halbwegs guter geistiger Gesundheit ist. Man steht morgens auf und denkt nicht als Erstes: `O Gott, schon wieder ein Tag, wie soll ich den überstehen? Was soll ich nur machen? Gibt es vielleicht ein Medikament? Oder eine Frau? Oder eine Religion? Irgendetwas, das mir aus dieser Situation heraushilft?“`

Im Alter von 70 Jahren trifft ihn ein erneuter Tiefschlag: Seine Managerin und Vertraute hat sein gesamtes Vermögen von mehreren Millionen Dollar fast vollständig veruntreut. Leonard Cohen steht mittellos da und ist gezwungen, in diesem Alter wieder auf Tournee zu gehen. 2016 stirbt Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren in Los Angeles.

Der Glaube

Leonard Cohen hat von sich gesagt, er sei „geboren im Herzen der Bibel“. Die Bibel ist die Grundlage für seinen Glauben und sein Zweifeln, für sein Denken und Fühlen. Viele seiner Gedichte und Lieder beziehen sich auf biblische Figuren und religiöse Symbole. Er verarbeitet den Auszug aus Ägypten, König David oder die Geschichte von Samson und Delila in seinen Liedern, und erkennt in diesen Figuren Muster, die sein eigenes Leben durchziehen.

Für ihn ist die Bibel kein weltfremdes Buch. Sie spiegelt alle unsere menschlichen Befindlichkeiten, unsere Sorgen und Freuden, Ängste und Nöte. Und sie enthält für ihn so bedenkenswerte wie tröstliche Antworten auf die Fragen, die Menschen zu allen Zeiten bewegen:

Woher kommen wir? Worin besteht der Sinn des Lebens? Wie gehen wir mit Schuld um?

Von sich selber sagt er:

„Ich würde mich nie als etwas anderes denn als Juden bezeichnen. Ich habe eine traditionelle jüdische Erziehung genossen. Sie hat die Grundlagen dafür geschaffen, dass ich mich voller Verständnis auch mit anderen Religionen auseinandersetzen konnte.

Sein Glaube habe ihn gefestigt, aber „nicht davon abgehalten, falschen Göttern hinterherzurennen.“ Misstrauisch ist er jedenfalls gegenüber Menschen mit starren Standpunkten: „Jeder, der sich selbst einmal einen gründlichen Prüfung unterzogen hat, weiß, dass er manchmal an Gott glaubt und manchmal nicht.“

Mit dem Christentum hat er keine Berührungsängste. Und so kann er sagen: „Ich liebe Jesus. Das habe ich immer schon getan, sogar schon als Kind. Allerdings behielt ich das für mich. Ich wäre nicht im jüdischen Unterricht aufgestanden und hätte das hinausposaunt.“ Jesus ist für ihn „vielleicht der prächtigste Kerl, der je auf Erden herumgelaufen ist.

Einer, der gesagt hat: `Selig sind die Armen, selig sind die Sanftmütigen`, muss eine Persönlichkeit von einzigartiger Güte, Einsicht und Verrücktheit gewesen sein. Ein Mann, der erklärt, er habe seinen Platz bei den Dieben, den Prostituierten und Heimatlosen, so einer hat eine nicht menschliche Großmut. Eine Großmut, die die Weltordnung über den Haufen werfen würde, wenn sie Schule machen würde; denn nichts könnte diesem Mitgefühl standhalten.“

Das Lied 

1984 veröffentlicht Leonard Cohen ein neues Album. Eines der Lieder heißt: „Hallelujah“. Zunächst nimmt niemand besondere Notiz von dem Song, bis Bob Dylan es als Erster bei einem Konzert singt. Viele andere Sängerinnen und Sänger folgen, und so wird es über die Jahrzehnte zu einem der meistgecoverten Songs der Popgeschichte.

Es ist in viele Sprachen übersetzt worden, auch in Deutsch.

Und sogar die Schlagersängerin Helene Fischer hat es bei einem Konzert in der Wiener Hofburg schon einmal gesungen. Einen Tiefpunkt seiner Wirkungsgeschichte erlebte das Lied im Jahr 2020. Im Wahlkampf ließ Donald Trump es vom Balkon des Weißen Hauses aus singen – entgegen dem ausdrücklichen Verbot der Nachlassverwalter von Leonard Cohen.

Unzählige Male ist dieses „Hallelujah“ auch schon in dieser Kirche erklungen – bei Hochzeiten, Konzerten und anderen Gelegenheiten. Es hat eine Melodie, die die Seele anrührt, und irgendwie haben die, die es sich wünschen, das Gefühl, dass es zu ihrer Situation passt.

Doch wovon handelt es eigentlich wirklich?

Es beginnt mit einem fantasievollen Gedanken:

Der König David aus dem Alten Testament, dem viele Psalmen zugeschrieben werden, habe Gott mit einem geheimen Akkord gnädig stimmen wollen. David selbst ist davon so ergriffen, dass es ihm ein Hallelujah entlockt.

Auch die zweite Strophe bezieht sich auf das Alte Testament, auf König David und sein wenig ruhmreiches Verhältnis mit Bathseba, einer verheirateten Frau und auf Samson, der auf die List von Delila hereinfällt.

Vermutlich verarbeitet Leonard Cohen hier seine vielen Beziehungsgeschichten, aus denen auch er oft schuldig hervorgegangen ist. Das Hallelujah, das aus diesen biblischen und seinen eigenen Episoden entsteht, ist kein strahlendes, jubelndes Hallelujah mehr, sondern ein gebrochenes.

Wie eine Lebensbeichte hört sich die letzte Strophe des Liedes an:

Ich gab mein Bestes,
doch es war nicht viel.
Ich konnte nichts fühlen,
deshalb versuchte ich zu berühren.
Ich sagte die Wahrheit,
ich bin nicht gekommen,
um dir etwas vorzumachen.
Und auch wenn alles schief gegangen ist,
werde ich vor dem Gott des Gesangs stehen,
mit nichts auf der Zunge als ein Hallelujah.

Rund achtzig Strophen hat Leonard Cohen zu diesem Lied gedichtet. Das Lied ist eine einzige Selbstoffenbarung.
Es trifft ins Herz, weil es die Hörerinnen und Hörer mit ihrem Inneren, mit ihren religiösen und körperlichen Sehnsüchten konfrontiert. Zwischen den Zeilen bietet es die Sprache der jüdisch-christlichen Tradition als Trost oder Lebenshilfe an. Es kommt nicht moralisch daher, es bewertet nicht, es verleiht irdischen Gefühlen keine göttlichen Weihen, nein:

Es beschreibt, in welchen Zuständen sich Menschen befinden können. Und es bietet unaufdringlich die biblische Sprache und das Gotteslob an, um das Leben zu verstehen und mit den eigenen Unzulänglichkeiten und selbst geschaffenen Abhängigkeiten zu leben.

Ich vermute, dass die meisten Menschen, die sich dieses Lied wünschen, den Text und seine Zusammenhänge nicht kennen. Was sie durchaus spüren, ist, dass dieses Hallelujah ganz anders ist als das liebliche Halleluja der Liturgie und der Kirchenlieder und völlig anders als das strahlende, triumphale Halleluja aus dem Händel`schen Messias.

Auch die Komponisten dieser Lobgesänge werden die Durststrecken gekannt haben, die man durchlaufen muss, um schließlich, im Nachhinein, Gott loben und bejubeln zu können. Doch diese Durstrecken kommen in ihren Werken nicht vor. Und das macht sie zwar erhaben in ihrem Ausdruck, aber nicht unbedingt nachvollziehbar.

Das gebrochene, das „broken“ Hallelujah von Leonard Cohen ist da ganz anders. Es kommt von einem Menschen aus unserer Zeit. Es thematisiert die Niederlagen, Enttäuschungen und Verfehlungen, die uns im Laufe unseres Lebens begegnen, und es macht uns Hoffnung, dass wir auch in diesen Situationen etwas von Gottes Liebe und Vergebung spüren können, etwas, das uns Gott danken und loben lässt, selbst wenn wir vielleicht noch Tränen der Erschöpfung in den Augen haben.

Eine Würdigung

Wir neigen dazu, die Frömmigkeit in der Kunst früherer Jahrhunderte zu suchen – und da auch nur in der klassischen, in der ernsten Musik. Rock, Popmusik und Schlager sind uns zu oberflächlich und weltlich. Mich hat beeindruckt, wie das Leben von Leonard Cohen von seinem Glauben durchdrungen war, und wie er mithilfe seines Glaubens sein Leben verarbeitet und immer wieder ins Lot gebracht hat.

Für ihn ist die Bibel kein altes Buch mit alten Geschichten. Er nimmt die biblischen Figuren als Spiegel für sein eigenes Erleben, und so kann er aus ihrem Schicksal auch den Trost und die Hoffnung für sein eigenes Leben gewinnen.

Zehn Jahre lang arbeitet Leonard Cohen an einem anderen Lied, das seine Lebens- und Glaubenserfahrung zusammenfasst. Es heißt „Anthem“, „Hymne“.

In den Strophen zählt er auf, was eigentlich verzweifeln lässt:

Kriege werden weiterhin geführt, die heilige Taube, das Symbol für den Frieden und für Gottes Geist, ist gefangen. Ehen zerbrechen, Gesetzlose und Mörder sitzen an verantwortlichen Positionen. Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer. Denn in allem, was zerbrochen, trostlos und finster erscheint, gibt es einen Riss, durch den das Licht eintritt.

„There`s a crack in everything – That`s how the light gets in.

Für mich ist das ein großer Glaubenssatz, der die Erfahrung eines Lebens widerspiegelt, das viele Höhen und Tiefen durchlebt hat. Es gehört zu unserem Leben dazu, dass es Risse bekommt, dass es erschüttert wird in dem, worauf wir uns ganz sorglos verlassen konnten. Doch durch diese Risse erscheint manches, was uns selbstverständlich war, in neuem Licht.

Und das kann heilsam sein.

There`s a crack in everything. That`s how the light gets in

Für Leonard Cohen und mich kommt dieses Licht von Gott.

Amen.