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von Sonja Scherle-Schobel
Veröffentlich: 16. Dezember 2020 (vor 4 Monaten )

Der Text für die Predigt  steht im Brief des Jakobus im 5.Kapitel:

So seid nun geduldig, Brüder und Schwester, bis zum Kommen des Herrn. Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen. Seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen; denn das Kommen des Herrn ist nahe.
(Jak 5,7f)

Liebe Gemeinde,

Von Geduld hören wir zurzeit viel. Den Kindern wird gesagt, sie sollen geduldig sein, bis Weihnachten kommt, das Christkind kommt wirklich erst am 24.
Von Geduld reden auch die Politiker. Wir alle sollen geduldig sein und durchhalten und die Coronamaßnahmen einhalten bis mindestens 10. Januar. Und heute kommt auch noch der Predigttext mit Geduld daher. Seid geduldig, schreibt Jakobus den Gläubigen im 4. Jahrhundert, bald wird der Messias auf die Erde kommen, und dann wird sein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit anbrechen. Geduld, Geduld, Geduld.

Ich will Ihnen heute deshalb von einem Mann erzählen, der sich mit Geduld ziemlich gut auskannte. Er hieß Johann Hinrich Wichern, lebte von 1808 bis 1881, war Pfarrer und hat unter anderem den Adventskranz erfunden.
Johann Hinrich Wichern war das älteste von sieben Kindern einer bürgerlichen, christlichen Familie, die ihn einfachen Verhältnissen lebte. In seinem Tagebuch schildert er ein Bekehrungserlebnis während seiner Zeit als Konfirmand. Wichern schreibt: Der Durchbruch geschah Abend, als Gottes Geist mich anfing von neuem zu gebären. Das Evangelium erleuchtete mich…“ Bis aus ihm aber tatsächlich ein Pfarrer wird, musste er Geduld haben. Johann Hinrichs Vater stirbt 1823 und der junge Mann muss vor dem Abitur vom Gymnasium abgehen. Er nimmt eine Stelle als Erzieher einer Internatsschule an.
Erst 1828 konnte er dank eines Stipendiums ein Theologiestudium aufnehmen. Nach dem Examen arbeitet er als Oberlehrer an einer Sonntagsschule in einem sehr armen Stadtteil Hamburgs. Dort begegnen ihm bitterste Armut, Wohnungsnot und viele vernachlässigte Kinder. Wichern will dagegen etwas tun. Er gründet eine Anstalt zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder. Ein Gönner überlässt ihm das sog. „Rauhe Haus“, in das er mit seiner Mutter, seiner Schwester und 12 Jungs einzieht.

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht, sagt man heutzutage. Jakobus schreibt im Predigttext: Siehe, der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde und ist dabei geduldig, bis sie empfange den Frühregen und Spätregen.
Beide Sätze bergen eine tiefe Weisheit in sich und sind für moderne Menschen gar nicht so leicht zu akzeptieren: Man kriegt doch alles immer und überall. Lieferung innerhalb von 24 Stunden. Und man kann doch alles schaffen, wenn man sich nur anstrengt und fleißig ist und sein Leben gut durchplant: Wenn man mit Musikunterricht, Ballet und Englisch schon im Kindergarten anfängt und spätestens mit 18 sein Abitur in der Tasche hat, oder?

Meist aber funktioniert das Leben anders: Der Bauer muss geduldig auf den Regen warten, Christinnen und Christen warten immer darauf, dass Jesus sichtbar wieder kommt, und sein Himmelreich anbricht. Vieles im Leben braucht Zeit, um zu Wachsen und Reifen. Und das Gras wächst eben nicht schneller, wenn man daran zieht.
Gott denkt in anderen zeitlichen Kategorien. Er ist ein Meister der Geduld! Kein Wunder, er lebt in der Ewigkeit. Wir leben in der Zeit, die für uns irgendwann einmal mit dem Tod endet. Gott schaut weiter bis in die Ewigkeit. Die Theologin und Ordensfrau Edith Stein sagte einmal: Mit dir selbst hab Geduld, Gott hat sie auch.

So ähnlich dachte wohl auch Johann Hinrich Wichern. Er hatte viel Geduld mit den Kindern, die er aus schlimmsten Umständen in seine Einrichtung holte. Mit folgenden Worten begrüßte er die Kinder, wenn Sie in sein Haus kamen:
„Mein Kind, dir ist alles vergeben. Sie um dich her, in was für ein Haus du aufgenommen bist. Hier ist keine Mauer, kein Graben, kein Riegel, nur mit einer schweren Kette binden dich hier, du magst wollen oder nicht, du magst sie zerreißen, wenn du kannst, diese heißt Liebe und ihr Maß ist die Geduld.“

Das Maß der Liebe ist die Geduld. Gottes Maß ist die Geduld. Gott hat unendliche Liebe zu seinen Menschen und deshalb auch unendliche Geduld mit ihnen. Er lässt Menschen ihre eigenen Wege gehen, er lässt sie falsche Entscheidungen treffen. Er lässt sogar zu, dass sie sich von ihm abwenden und versuchen, ihr Leben allein ohne ihn zu führen. Aber er bleibt da, er bietet sich an. Er wartet mit Geduld, bis ein Mensch wieder oder überhaupt einmal zu ihm kommt. Er wartet, bis ein Mensch eine Sehnsucht verspürt nach einem Glauben, nach einem Halt im Leben und Sterben, nach einer Hoffnung für sich. Er wartet, bis diese Sehnsucht groß genug ist, bis sich das Herz eines Menschen bereit ist, sich zu öffnen. Gott wartet, bis der Verstand eines Menschen bereit ist, neue Wege zu gehen, Einsichten für wahr zu halten, die sich nicht wissenschaftlich beweisen lassen.

Und diese Geduld mutet Gott auch uns zu. Sie passt nicht in unsere schnelllebige Zeit. Sie setzt sich ihr entgegen als drücke sie auf ein riesiges Bremspedal. Gottes Geduld ist ein großes Geschenk, aber oft auch schwer auszuhalten. In dieser Geduld ist Raum für Zuversicht, dass doch noch alles gut gehen wird, dass sie Zeit Wunden heilen wird, dass sich alles zum Besseren wenden wird. Da ist aber auch Raum für Zweifel, ob Gott wirklich noch helfen wird und wenn ja, wie er helfen wird. Diese Geduld, dieses Warten, mutet Gott uns Menschen zu. Er verspricht einen neuen Himmel und eine neue Erde, aber wann? Er verspricht ein Reich voller Frieden und Gerechtigkeit, aber wann? Er verspricht sichtbar zu kommen und die Welt in ein himmlisches Jerusalem zu verwandeln, aber wann? Das Warten im Advent, das Warten auf Weihnachten, das sich auch nicht durch perfekte Planungen und alles Geld der Welt beschleunigen lässt, ist eine gute Übung. Jede Adventszeit ist eine Einübung in die Geduld Gottes. Wir müssen warten, bis Jesus geboren wird, und Geduld haben.

Den Jungs und Mädchen in Johann Hinrich Wicherns Haus fiel das Warten besonders schwer. Sie hatten in ihrem Leben vorher wenig Gutes erlebt und konnten es sich kaum vorstellen, dass man ihnen ein Weihnachtsfest verspricht und sie es dann auch tatsächlich bekommen sollten.
Da hatte Johann Hinrich Wichern eine Idee. Auf einen großen Holzreifen steckte er vier große, dicke Kerzen für die vier Adventssonntage und dazwischen für jeden Tag dazwischen eine kleine Kerze. Jeden Tag in der Adventszeit durften die Kinder und Jugendlichen eine Kerze mehr anzünden. Je näher Weihnachten kam, umso heller wurde es. Daraus entstand unser heutiger
Johann Hinrich Wichern hat in seinem Leben noch viel bewirkt, weit mehr als die Erfindung des Adventskranzes. Aus seinem Rettungshaus wurde eine große Einrichtung und er wurde zum Begründer der modernen Diakonie.

Die Zeit der Geduld ist Gottes Zeit, Zeit sich einzulassen und einzuüben in seine Weisheit und Wahrheit und Pläne. Am Adventskranz können wir sehen, wie es immer heller wird, je länger wir warten und Geduld haben. Irgendwann wird Gott kommen und es wird gut werden. Das ist gewiss.

Amen


Sonja Scherle-Schobel ist Pfarrerin in der Evang.-Luth. Kirchengemeinde Friedrichshofen