von Pfarrerin Eliana Briante
Veröffentlich: 18. März 2020 (vor 3 Jahren )

Liebe Gemeinde,

heute ist der Sonntag Okuli: Gott sieht uns und unsere Sorgen. Das steht heute im Mittelpunkt. Er lässt uns damit nicht allein! Egal, was wir gemacht oder angestellt haben. Er lässt uns nicht los. Er lässt nicht locker, bis wir neuen Mut gefasst haben.

Wir leben im Moment etwas, das die meisten von uns nur von Filmen oder Kriegserzählungen kennen.

Wenn ich mit Freunden oder Verwandten aus Italien rede, höre ich, dass die Polizei kommt, wenn mehr aus drei/vier Menschen auf der Straße zusammen sind, um sie dringend einzuladen, weiterzugehen. Geschäfte sind geschlossen, alles ist leergefegt: alles ist gespenstisch…

Depression verbreitet sich. Die menschliche Nähe fehlt. Ältere Menschen, die allein wohnen, dürfen nicht besucht werden.

Man sucht Gründe: warum das Coronavirus? Was haben wir falsch gemacht? Haben wir es mit der Globalisierung übertrieben?

Wären wir heute nicht so weit, wenn wir die Grenzen früher dicht gemacht hätten? Haben die Regierungen und Wissenschaftler richtig reagiert?

Fragen, mit denen man die Schuldigen sucht…

In unserem heutigen Predigttext geht es auch um Schuld und Depression. Elia hat übertrieben. Der große Prophet hat seine Macht missbraucht. Und er läuft weg, um der Rache der Königin Isebel zu entkommen.

Er läuft durch ganz Israel. Vom Norden, in dem Ahab und Isebel regieren, bis hinunter in den Süden, in die Wüste.

Die wenigen Worte im Text lassen die schnelle Flucht nur erahnen. Elia wollte eben unbedingt am Leben bleiben.

Aber am Ende setzt er sich unter einen Busch und bittet um seinen Tod. Irgendwann ist er müde. Irgendwann will er nicht mehr leben.

Was muss in einem Menschen vorgehen, dass er so läuft und dann so redet?

Natürlich ist es zunächst die Angst vor dem Zorn und der Macht der Königin. In deren Hände will er nicht fallen. Aber leben will er auch nicht mehr.

Er kann sein Leben nicht mehr ertragen. Er bittet Gott, ihn einfach sterben zu lassen. Die Müdigkeit ist zu groß geworden. Die grundsätzliche Erschöpfung in seinem Leben sieht keinen Hoffnungsschimmer mehr.

Auch wenn wir die Situation in ihrer Realität nicht mehr nachempfinden können, von Lebensmüdigkeit wissen viele Menschen. Sie denken:

‚Ich weiß nicht mehr, wie es noch weitergehen soll. Ich weiß auch nicht, was ich noch tun soll. So jedenfalls kann es nicht mehr weitergehen. Ich habe keine Kraft mehr, wirklich etwas zu verändern. Es hat alles keinen Sinn mehr.‘

Lebensmüde im wirklichen und ehrlichen Sinn; zu müde, um leben zu wollen. Der Tod scheint viel besser, als weiter leben zu müssen.Elia klagt über sich selber: ‚Ich bin auch nicht besser als meine Väter‘.
Und in der Tat, ob Abraham, Jakob, Mose oder David. Alle waren begrenzt und schuldig.
Weil Gott normale Menschen für seinen Dienst beruft. Das bedeutet zum einen, dass sie schuldig werden, und natürlich auch dass sie darunter leiden, wenn sie es erkennen.

Und es bedeutet zum andern, dass sie nicht unbegrenzt belastbar sind. Sie werden müde; sie können irgendwann nicht mehr.

Und Gott weiß dies. Ich finde toll, wie sanft Gott mit Elia umgeht. Er schickt einen Engel. Und der Engel übt eine tolle Seelsorge gegenüber Elia. Er sagt nicht einfach: Stehe auf. Gott hat eine neue Aufgabe für dich. Er ist zart und freundlich. Er gibt Elia Zeit, um aus dem Depressionstunnel herauszukommen.

Die Zärtlichkeit der Begegnung wird durch diese leichte Berührung beschrieben: Ein Engel berührte ihn und sagte zu ihm: „Steh auf und iss!“

Und Elia isst, aber er schläft sofort wieder ein. Und der Engel lässt ihm Zeit. Er lässt ihn nicht im Stich, er wird nicht wütend. Er versteht, dass Elia mehr Zeit braucht.

Dann, nach einer Weile, nähert er sich wieder und sagt zu ihmSteh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Und dieses Mal steht Elia auf und isst. Und dann geht er auf den Berg Gottes, um Gott selbst zu begegnen.

Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.

Gott lässt auch uns die Zeit, die wir brauchen, um wieder Mut zu fassen.Gott schickt einen Engel. Denn allein und von selbst geht das nicht; so ist weder die Angst noch die Müdigkeit zu überwinden. Auch Jesus wollte in seinem schlimmsten Moment, im Garten Gethsemane, nicht allein sein. Er nahm seine engsten Freunde mit.

Und bei Elia ist es nicht anders. Der Engel des Herrn musste kommen, damit er wieder zu Kräften kommen konnte.

Im Moment sind wir verängstigt. Wir wissen nicht, wie die Situation sich entwickeln wird. Wir wissen nicht, wie und wie lange das Coronavirus unser Leben verändern wird. Was wir sicher wissen, ist, dass Gott uns nicht allein lässt. So wie er Elia, das Volk Israel, Jesus und viele anderen nicht allein gelassen hat.

Heute können wir einander nicht umarmen. Aber was wir machen können, ist: nicht daran zu zweifeln, dass die Gemeinschaft trotzdem da ist, und dass Gott auf uns hinschaut! Amen.