von Pfarrer Ulrich Eckert
Veröffentlich: 18. März 2020 (vor 2 Jahren )

Liebe Gemeinde,

vor 14 Tagen hätte ich über die Geschichte vom ersten Versteckspiel in der Bibel predigen sollen. Als Gott zum ersten Mal den Menschen suchen ging. Aber da hat mich unser Dekan Thomas Schwarz vorsichtshalber nicht zum Gottesdienst kommen lassen, da ich gerade aus Norditalien zurückgekommen war. Seit zwei Tagen bin ich aus der verhängten Halbquarantäne heraus – und darf aus Verantwortung für Sie und uns alle den Gottesdienst nur ganz verkürzt feiern. Und meine Predigt ist eine andere als vor 14 Tagen.

Lesen Sie 1. Mose 3 (und die Kapitel 1 und 2) zu Hause in Ruhe durch. Vieles wird Ihnen bekannt vorkommen – und etliches neu, wie es eigentlich jedes Mal der Fall ist, wenn wir einen Bibeltext wieder lesen. Wir bemerken Dinge, die uns anders in Erinnerung waren. Wir merken, dass wir uns verändert haben (obwohl wir das vielleicht nicht zugeben würden…).

Aus 1. Mose 3 ist ganz viele Menschen bekannt: Adam und Eva nackt – die Schlange, ein bis zwei seltsame Bäume, und natürlich die Frucht (für Europäer/innen zum „Apfel“ geworden). Was auch oft mit dieser Urerzählung vom Verstecken, vom Suchen, vom Schuldzuweisen und vom Rauswurf aus dem „Paradies“ in unseren Köpfen herumschwirrt: die Schlange hat Eva verführt – Eva hat den (ach so armen?) Adam verführt. Und dann hat Gott energisch gehandelt, sie bestraft und hinausgeworfen. Und auch noch: diese Sünde ist es, die seither allen Menschen ohne Ausnahme anhängt – wie ein Gen, das keiner herausoperieren kann. Oder soll ich sagen: wie ein Art von Virus, gegen die es vielleicht eine Impfung gibt, die aber doch in unserem Körper schlummert, aber eben diesen Körper dauernd mehr oder weniger viel krank macht .

Übrigens: eine Szene aus 1. Mose 3 ist sehr plastisch auf dem „alten“ Altar zu sehen, der seit 1957 in unserer Gaimersheimer Kirche hängt: Adam und Eva mitsamt Schlange und Apfel, aber sogar mit einer weißen Taube – schauen Sie es sich einmal an in der Kirche oder auch im Internet.

Ja, einige dieser Details sind wohl auch Ihnen eingefallen, als Sie sich an die Geschichte von Adam (wörtlich „Erdling“) und Eva (wörtlich „Leben“) und an ihren unrühmlichen Abgang aus dem Paradies erinnert haben. Die Bibel erklärt in ihrer großen Anfangserzählung ja nicht wissenschaftlich, sondern sie deutet, was die Beziehung von Gott zu uns Menschen und allen Geschöpfen ausmacht. Was Gott möchte – was die Menschen wollen – wie Gott die Menschen ausstattet und sie immer wieder sucht – wie die Menschen in die Rolle Gottes schlüpfen wollen. Ja, um all das geht es hier, eng zusammengepackt wie es nur eine große Erzählung kann.

Für mich sind in dieser Geschichten die gesagten und die nicht gesagten Worte und Gedanken das Entscheidende – auch für uns heute in unserer Beziehung zu Gott, zu unseren Mitmenschen, zu unseren Mitgeschöpfen und zu uns selbst.

Gott hatte den beiden „Urmenschen“ einen lebenswerten Lebensraum geschenkt hat. Mit einigen ganz wenigen Einschränkungen – darunter dem Verbot, vom „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ zu essen. Andere Stimmen (hier: die Schlange), verwenden Gottes Worte und verdrehen sie. Sie reden den „Urmenschen“ ein, dass Gott ihnen böse will, dass Gott sie kleinhalten will, dass Gott ihnen Wesentliches vorenthält.

Wir lesen dann nicht, dass Adam oder Eva Kontakt zu Gott suchen und bei ihm mal nachfragen, ob das denn sein kann. Nein, wir lesen von anderer Kommunikation. Von einer Kommunikation, die nicht mehr verbindet mit Gott, sondern trennt. Und so nimmt das Versteck“spiel“ seinen Lauf. Nicht das Nacktsein von Adam und Eva an sich ist hier das Problem – anders als in Jahrtausenden von Leib- und Körperfeindlichkeit gerade auch in christlicher Tradition. Nein – das Problem ist: Adam und Eva wollen Gott aus den Augen gehen. Doch Gott hat ein Auge auf sie. Gott sucht sie ganz bewusst. Und hier kommt der erste Satz, den Gott in der Bibel überhaupt in einem Dialog zu ihnen sagt: „ADAM, WO BIST DU?“ (Adam kann hier übrigens sowohl als Eigenname gemeint sein wie auch „Mensch“ meinen!).

Ja – das ist für mich die Hauptfrage. Und die gilt bis heute immer wieder neu und anders. Gott fragt mich, fragt Sie, fragt uns: WO BIST DU?

Was mag das heißen für die kommende Zeit, in der wir uns in unseren Wohnungen „verstecken“ werden müssen? Ich denke: wo auch immer wir sind: verstecken wir uns nicht vor Gott, der uns auch jetzt Leben mit Segen und Tiefgang schenkt. Er kennt auch jetzt unser Herz und unser Tun und liebt uns: er möchte uns zurechtbringen und neu segnen.

Und: gerade jetzt sind wir besonders herausgefordert, zu sagen, wo wir sind, wo und wie wir einstehen für gelingende Kommunikation und Solidarität und gegen Ausgrenzung – gerade jetzt, wo wir uns nicht mehr so einfach treffen, berühren, unterstützen können, wie das bis vor wenigen Tagen noch total normal war. Verstecken wir uns nicht vor denen, die uns brauchen und die wir brauchen. Werden wir nicht egoistisch. Und fragen wir Gott, wo ER ist! Suchen wir ihn, der uns immer neu sucht und nicht verlässt. Das hat er schon Adam und Eva verheißen für die harte Zeit außerhalb des Paradieses. Und er hat es in Jesus Christus kräftig bestätigt – auf immer und ewig. „Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir“ (Lied 365 im Evangelischen Gesangbuch). So sei es. AMEN.