von Anja Raidel
Veröffentlich: 18. März 2020 (vor 3 Jahren )

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus! Amen.

Liebe Gemeinde, seit 28 Jahren lebt Herr Meyer mit seiner Frau im Altmühltal. Aufgewachsen ist er in einem Vorort von Ingolstadt. Aber eigentlich hat er gar keine Verbindungen mehr dahin. Die letzte Verbindung war seine Mutter. Zwei Jahre ist das nun her, als sie verstorben ist. Nur das Elternhaus in der Reihensiedlung, das hat Herr Meyer noch. Seit zwei Jahren steht das Haus leer. Ohne Leben. Doch gefüllt mit kostbaren Erinnerungen.

Herr Meyer hängt daran: Er erinnert sich gerne an die Geburtstage in großer Runde: Den herrlichen Kaffeegeruch und den leckeren Kuchen im Wohnzimmer. Manchmal kommt es ihm in den Sinn, wie sein Vater samstags in der Hofeinfahrt steht und das Auto poliert. Dieses Auto war sein ganzer Stolz gewesen. – Es fällt Herrn Meyer schwer, das Haus auszuräumen. Dabei wäre es sicherlich leicht, es zu verkaufen: Interessenten gäbe es genug. Letzten Samstag war er wieder am Elternhaus. Er hat nach dem Rechten gesehen. Und dann stand er im Flur und öffnete eine Schublade. In der Schublade entdeckte er das Gesangbuch mit Silberschnitt. Jeden Sonntag nahm es seine Mutter mit zur Kirche. Der Ledereinband bezeugte es. Gebrauchsspuren gab es jede Menge.

Seiner Mutter hat der Glaube viel bedeutet. Früher sang sie mit ihm oft vor dem Schlafengehen ein Segenslied. Als er das Gesangbuch aufschlägt, liegen verschiedene Zettel darin. Gleich als erstes eine kleine Karte. Darauf steht: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ (Lk 9,62). Das berührt ihn. Und für einen Moment hat er das Gefühl, zum ersten Mal nach langer Zeit loslassen zu können.

Franzi ist 14 Jahre alt und geht in die 8. Klasse. Ein Jahr ist es jetzt schon her: Ihre erste Liebe hatte damals mit ihr Schluss gemacht. In der Zeit, als sie miteinander gegangen sind, da haben sie viel zusammen erlebt und viel gelacht. Er war wie ihr bester Freund. Sie dachte damals, dass sie für immer zusammenbleiben werden. Sie malte sich aus, welche Namen sie ihren Kindern geben könnten. Doch dann machte er plötzlich wie aus dem Nichts Schluss. Ihre ganze Welt ist zusammengebrochen.

Ein Jahr ist das schon her. Und es tut immer noch ab und zu weh. Manchmal sieht sie ihn in den Pausen. Sie wird dann neidisch, wenn er mit anderen Mädchen spricht. Oder wenn sie hört, dass er wieder eine neue Freundin hat. Das schmerzt. Letztens im Reliunterricht haben Franzi und ihre Klasse über das Thema „Freundschaft und Liebe“ gesprochen. Da hat Franzi schlucken müssen. Und sie hat im Unterricht fast angefangen zu  weinen. Die Lehrerin hat es bemerkt. Sie ist nach dem Unterricht auf Franzi zugegangen. Erst druckste Franzi ein bisschen herum. Aber dann konnte sie ihre Gefühle nicht mehr aufhalten. Alles sprudelt aus ihr heraus. Sie schluchzt. Und die Lehrerin hört zu. Sie urteilt Franzi nicht. Anders als Franzis Freunde sagt die Relilehrerin nicht, dass sich Franzi nicht so anstellen soll. Stattdessen sieht sie Franzi mitfühlend an. Dann nimmt die Lehrerin Franzi in den Arm und streichelt ihr über den Kopf. Das überwältigt Franzi. Und für einen Moment hat sie das Gefühl, zum ersten Mal nach langer Zeit loslassen zu können.

Herr Meyer und Franzi – zwei Menschen in völlig andren Lebenssituationen, und doch haben sie etwas gemeinsam: Sie wollen loslassen und nach vorne gehen. Das tut ihnen gut. Auch wenn es ein schwieriger Weg ist. Loszulassen, das ist auch ein Thema in der Bibel. Sie können das im Bibeltext nachlesen.

In den Geschichten von Herrn Meyer und Franzi haben wir es gelesen: sie lassen los, gehen nach vorne und orientieren sich neu. Das ist auch der Weg der Jünger: Sie wollen mit Gott nach vorne gehen und loslassen. Nachfolgen, wie begegnet uns das heute? Mit schmunzeln denke ich dran zurück, wie ein Mädchen im Schulunterricht sagte: „Ich würde Jesus nicht nachfolgen! Das ist doch ein fremder Mann, und denen soll man nicht hinterher gehen!“ Folgen, das kennen wir eher aus dem Internet. Dort gibt es „Follower“, und je mehr man hat, umso besser scheint es zu sein. So haben auf twitter der Papst 614.00 Millionen, Barack Obama 114 Millionen, Christiano Ronaldo 82 Millionen und Helene Fischer 116.00 Millionen Follower.

Bei Lukas ist Jesus sehr konsequent mit seinen Forderungen, hart können sie sich für uns anhören. Doch wenn Jesus Menschen begegnete, wurden sie außen und innen heil. Auch uns kann er innerlich heil machen.  Heil zu werden, oder zu bleiben, das beschäftigt uns gerade sehr. Der Corona-Virus beunruhigt viele. Hamsterkäufe werden getätigt, Feiern abgesagt, sogar der Gottesdienst muss heute entfallen. Es ist eine solidarische Aktion für die Menschen, die wir vor der Krankheit schützen wollen.

Wenn immer mehr öffentliche Einrichtungen schließen, von der Kita über Theater und Schule bis zu Schwimmbädern, wollen auch wir unsren Teil dazu beitragen, dass das Virus uns nicht noch mehr über den Kopf wächst. Es ist für uns als Gemeinde tragisch, dass sich gerade in der Kirche keine Menschen mehr treffen können. Denn das macht uns aus. Doch es gibt einiges, was uns bleibt. Wir können Gottesdienste im Radio und Fernsehen verfolgen. Wir können beten. Wir können Kontakt halten zu den Menschen, die uns nah stehen, auch über das Telefon. Und uns auf die Zeit freuen, wenn wir wieder Gemeinschaft haben können.

Jesus nachfolgen, das heißt, Licht in die Dunkelheit bringen. Weitertragen, was einem selbst hilft. Und in Krisen zu wissen: Wir können neu beginnen. Jesus gibt uns die Kraft dazu. Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Ihre Pfarrerin Anja Raidel Praktikantin Laura Müller