von Pfarrer Reinhard Wemhöner
Veröffentlich: 19. März 2020 (vor 2 Jahren )

Die Predigt, die nie gehalten wurde… Die feierliche Einweihung der neuen Jesuskirche in Vohburg wurde aufgrund der aktuellen Situation abgesagt.
Der Predigttext zum nachlesen: 1. Kor. 1, 10. 12 – 13. 17+18.22-25

Liebe Gemeinde,

ja, die Sache mit dem Kreuz. – Gar nicht so einfach, dass man damit zurechtkommt, dass man es mit dieser Provokation aushält.

Ich meine das in der Tat in doppeltem Sinn!

Denn ja, dieses Kreuz, das wir da aufgehängt haben, ist auch eine Provokation. Dessen bin ich mir, dessen sind wir, die darüber befunden haben, sich bei der Entscheidung voll bewusst gewesen. Und gerade deshalb haben wir entschieden, was und wie wir entschieden haben.

Aber fangen wir einmal mit Paulus an, mit den Auszügen aus dem Brief an die Korinther. Das ist ja schon „knackig“, wie der da innerhalb weniger Zeilen zur Sache kommt, auch wenn ich den Text etwas komprimiert habe. Aber nicht verfälscht, allenfalls zugespitzt!

Das Kreuz ist eine Zumutung, ja, so ist es. Ein Gott, ein Gottessohn, der einfach irgendwie oder sogar noch provokant demütigend stirbt. Wer braucht denn so was?

Aber er markiert etwas. Leider etwas, was viele Menschen, heute genauso wenig wie vor 1.500 Jahren oder 2.000 Jahren gerne für sich hören wollten oder in Anspruch nahmen:

Nein, so ein Kreuz ist nicht natürlich; nein, es ist nicht vernünftig; nein, es ist nicht „kraftvoll“. Was dieses Kreuz vermittelt, ist einfach und schlicht und ergreifend erst einmal eine grandiose Niederlage: Nichts da mit Messias, mit Erlöser… Nichts da mit Durchsetzung und Sieg und Überwindung. Nichts da mit grandios und Gott und überhaupt alles bestens.

Im Gegenteil: Abgestürzt. Oder schlicht an ein Kreuz genagelt und daran aufgehängt, bis er endlich verreckt war. Und sogar ein bisschen nachgeholfen, wenn man die Geschichte in ihren Details vor Augen hat. Diese schwächliche Kreatur einfach abgemurkst. Ein bisschen Show, ein bisschen gespielte Rechtsprechung oder in Wahrheit schlichte Machtausübung, ein bisschen Theater vor der Welt und vorbei mit dem ganzen Auftritt.

Allein, hat nicht geklappt. Ist geblieben. Hat sich ausgebreitet mit diesem Jesus. Trotzdem, deshalb.

Da gibt es ein Metallkreuz an der B 300 zwischen Geisenfeld und der Autobahn. Eine Erinnerung an einen Jugendlichen, den wir aus einem Konfirmandenkurs beerdigen mussten. Autounfall. Eine richtig dreckige Erinnerung an die menschliche Machtlosigkeit, an die Hilflosigkeit der Menschen. An das, was man dann auch Schicksal nennen kann, möchte, muss. Und was die Angehörigen als Kreuz erleben, immer noch und immer wieder da, und wenn es noch so lange vorbei sein wird. Die müssen täglich an der Stelle vorbei fahren. Der überlebende Bruder wird seinen dann vor Jahrzehnten gestorbenen Bruder als Kerbe in der eigenen Seele mit in sein Grab nehmen.

Das Kreuz. Dieses Kreuz hier versucht das nachzuempfinden. Natürlich kann ein Kunstwerk nicht das Schicksal eines einzelnen aufnehmen oder heilen. Aber es kann die Gedanken aufnehmen, die mit ihm zu tun haben.

Das Kreuz nimmt den Eindruck des Materials, Styropor, auf und verwirklicht es aus Metall. Styropor ist weich, es zerbröselt, wenn man es zu hart anfasst. Der Aluminiumguss hält länger, er profitiert von der Anschauung. Aber irgendwie sieht das Ding so aus, als wenn es sich als nächstes selbst zerlegen wollte.

Aber das wird es nicht tun. Es existiert. Aus Metall. Und das hält. Selbst die Farbe ist mit Bedacht gewählt. Auch wenn wir im Kirchenvorstand mehrfach darüber gesprochen haben, ob das so blutrot sein muss. – Ja, es muss.

Dieses Kreuz steht für die gebrochene Welt, in der wir alle leben.

Es erzähle mir doch keiner, dass die Dinge, so wie sie sind, immer wunschgemäß sind.

Klar, es läuft auch einmal etwas in die richtige Richtung. Das sei jedem einmal vergönnt. Und auch über eine ordentliche Strecke des Lebens.

Allein, am Ende steht das Ende. Damit muss man dann auch klarkommen.

Aber da hilft das Kreuz: Es ist unser christliches Zeichen für Hoffnung! Nicht allein für die Niederlage des Karfreitags, sondern auch als Durchgangsstufe zum Ostersonntag!

Und so gewinnt das Kreuz. Nicht, dass es deswegen hübsch wird. Aber es bekommt einen neuen Platz, eine neue Einordnung. Es gehört dazu, es ist Teil des Lebens.

Und so möge dieses Kreuz ein Teil des Lebens dieser, unserer, Ihrer Kirchengemeinde werden! Es stößt sich mit dem durchgestylten Raum, mit all dem, was hier so wahnsinnig neu ist und perfekt ist.

 

Nein, das Kreuz ist nicht perfekt. Es ist eine Anfechtung, eine Provokation. Für den Geist, für die Seele, für die Zufriedenheit.

Denn es konfrontiert uns zugleich mit unserer Welt und zugleich mit unserer Hoffnung. Denn nur in der gebrochenen Welt sind wir wirklich zuhause, nur in der Welt mit Ecken und Knicks und Knacks sind wir wirklich die, die wir nun einfach mal sind: Kreaturen vor dem Herrn, die wir mehr oder weniger Glück gehabt haben.

Jesus Christus hatte am Ende seines Lebens wenig Glück. Also hatte er schon und bestimmt, als es ihm gut ging. Auf dem Anmarsch nach Jerusalem, auf dem Esel und so.

 

Aber da war dann bald „Schluss mit lustig“. Das muss ich Ihnen jetzt nicht im Detail erzählen, das ist dann unter uns schon klar.

Aber es gibt ein „Darüberhinaus“. Eine Zukunft. Einen Ausblick, dessentwegen Jesus eben unter anderem nicht auf den Teufel hereingefallen ist.

Und das wollen wir nutzen. Klar kriegt uns der Teufel auf der Strecke irgendwann mal dran, wir wären nicht Menschen, wenn es nicht so wäre. Aber er wird nicht obsiegen. Und wenn eben doch mal, dann nur für einen Moment, für eine kurze Zeit.

Und dann hoffen wir auf Jesus Christus. Auf seinen Geist, auf die Hoffnung, die von ihm ausgeht.

Die möge unser Antreiber und unsere Ruhebank sein! – Ja, der Geist Gottes möge uns antreiben und er möge zugleich derjenige sein, der uns ermutigt, dass wir einfach auf seine Kraft hoffen und vertrauen, einfach ihm glauben.

Amen