von Anna-Katharina Stangler
Veröffentlich: 26. Mai 2022 (vor 1 Monat )

„Ich bin nicht mehr klein, ich bin jetzt schon groß!“  Wie oft habe ich das von meinem Sohn gehört. Heute morgen musste ich schmunzelnd daran denken. Ich bin schon lange groß. Naja, fast. Also, alt. Groß bin ich leider nie geworden. Und das führte mal wieder zu einem kleinen Kampf mit unserem zu hohen Küchenschrank.

Ähnlich mag es damals dem Zachäus gegangen sein, als er gehört hatte, dass Jesus in die Stadt kommt und er ihn unbedingt einmal sehen wollte. Ob er sich da auch leise schimpfend über seine Körpergröße geärgert hat? Jedenfalls ist er das Problem praktisch angegegangen: Wenn ich wegen meiner Größe in der Menschenmenge Jesus nicht sehen kann, dann muss ich mir halt eine erhöhte Position verschaffen. Und idealerweise gebe ich mich nicht der Lächerlichkeit preis, indem ich ziemlich unelegant (wie ich vor dem Küchenschrank) auf und ab hüpfe.

Da war die Lösung mit dem Baum in Zachäus‘ Fall sehr elegant, weil man ihn da auch nicht so gut sehen konnte (das Poltern in der Küche war leider im ganzen Haus zu hören…).

Als Jesus dann kommt, spielt die Körpergröße dann aber gar keine Rolle. Weder macht er sich lustig über Zachäus, der da im Baum sitzt wie so ein Lausbub. Er schaut auch nicht, ob Zachäus schon „groß“ ist.  Jesus spricht Zachäus an: „Zachäus, schnell, komm herunter! Ich muss heute in deinem Haus einkehren!“

Offensichtlich weiß er, was Menschen groß macht.

Wahre Größe bemisst sich eben nicht am Alter und auch nicht an der Höhe des Küchenschrankes.

 

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Anna-Katharina Stangler,
Klinikseelsorge Ingolstadt

Foto: Klinikum Ingolstadt